Vom bittersüssen eh´lich Leben

Ich war im Theater! Endlich mal wieder! In den Kammerspielen des Staatstheaters Nürnberg und habe mir ein Stück von und über Nürnberg angesehen. Dabei kam Nürnberg nicht immer nur gut weg. Einerseits wurde die Ruhe und Unaufgeregtheit der Stadt gelobt und andererseits wird sie als langweilig und hinterwäldlerisch bezeichnet. Es hat eben alles zwei Seiten. Überrascht hat mich, dass das Nürnberger Publikum nicht pikiert war, als man ihre Stadt so dermaßen verunglimpfte (in guter alter Theatermanier natürlich sehr direkt und unverblümt). Das liegt wohl tatsächlich am theaterinteressierten  Kammerspielpublikum. Die Menschen, die ich vor dem Beginn der Vorstellung im Keller des Schauspielhauses sehe, sind für einen guten Theaterabend gekommen, der einem den ein oder anderen Denkanstoß noch mit nach Hause gibt. Im Opernhaus, ohne die künstlerische Leistung schmälern zu wollen, sieht man zwischen den ziemlich normalo gekleideten Menschen, die richtig herausgeputzen Damen, die ihre neue teure Garderobe ausführen möchten. Der mitgezerrte leidgeprüfte Gatte darf vor der Vorstellung an der Bar ein Bierchen zu sich nehmen um sich dann eine gepflegte Mütze  erholsamen Opernschlafes zu gönnen. Selbstverständlich auf den teuersten Plätzen des Hauses. 

Jaaa im Keller braucht man keine schicken Abendkleider, aber man findet dort den einen oder anderen kulturellen Edelstein. Es war mein erstes mal mit dem neuen Ensemble. Und ich muss sagen: es war toll! Sehr vielversprechend, bunt und laut und macht Lust auf mehr! Neben ein paar altbekannten und liebgewonnen Gesichtern waren durchweg neue Schauspieler am Zug, die in jedweder Hinsicht erfrischend bunt waren. Ein Schauspieler hat seine verschiedenen Geschlechterrollen so gut zu interpretieren gewusst, dass ich hinterher absolut überzeugt war: er ist eine Frau! 

Mit nach Hause genommen habe ich an dem Abend Hans Sachs. Das Theaterstück hat Nürnberg besungen und ein großer Sohn der Stadt ist Hans Sachs, der berühmte Meistersinger und der durfte natürlich in der Riege der Nürnberger Berühmtheiten nicht fehlen. Er hat 1541 das Gedicht „Vom bittersüßen eh´lich Leben“ verfasst, in dem er die Ehe mit seiner Frau Kunigunde beschreibt. Zu diesem Zeitpunkt waren die beiden über 20 Jahre verheiratet. Hier ein kleiner Ausschnitt:

 

 

Sie ist mein Fürsprecher und Erlediger, 

Ist oft mein Ankläger und Prediger, 

Meine Frau ist mein getreuer Freund, 

Oft geworden auch mein größter Feind, 

Meine Frau oft milde ist und gütig, 

Sie ist auch zornig oft und wütig, 

Sie ist meine Tugend und mein Laster, 

Sie ist meine Wunde und auch mein Pflaster, 

Sie ist meines Herzens Aufenthalt, 

Und macht mich doch grau und alt.

 

Unfassbar und auch wieder nicht, dass die Menschen und ihre Beziehungen zueinander sich nicht grundlegend verändert haben. Eine Partnerschaft fürs Leben kann nie nur wunderschön sein. Wie in guter alter Theatermanier wird es wieder sehr direkt und unverblümt in den Raum geschmissen und es beleuchtet wieder beide Seiten einer guten Sache. Der berühmte Ehebrunnen oder das Ehekarussell am weißen Turm basiert auf diesem Gedicht. Den gibt es überhaupt nur, weil damit der Lüftungsschacht der neuen U-Bahn verdeckt werden sollte. Was für ein Schöpfungsgrund für das Werk eines Künstlers! Aber da muss man mal alle Eitelkeiten beiseite lassen, dachte sich Jürgen Weber und ergriff diese Chance um sich und sein Werk in das Stadtbild von Nürnberg einzufügen. Die Szenen einer Ehe werden, wie im Gedicht, sehr plakativ, laut und überzogen dargestellt. Es ist kein „schöner Brunnen“, aber ehrlich und gibt einem, bei genauem Betrachten, einen Denkanstoß mit nach Hause. Ein Glück, dass er nicht im Keller gelandet ist..