Plastik fasten

Es ist wieder soweit: Deutschland fastet. Auto-Fasten, Plastik-Fasten, CO2-Fasten, Digital-Fasten, Lebensmittelverschwendung-Fasten… Zu den meisten dieser „Fastenkuren“ haben mich in letzter Zeit gleich mehrere Challenges erreicht. Denn wenn alle in der Fastenzeit irgendwas fasten, steigt natürlich auch die digitale Aufmerksamkeit, die Small-Talk-Tauglichkeit und damit die Durchhaltequote. Ist nun mal so, der Mensch ist ein soziales Wesen.

Mein persönlicher Liebling ist Plastik-Fasten: Ein ideales Projekt für die Fastenzeit, denn der Verzicht auf Plastik insbesondere als Verpackungsmaterial ist kein Sonntagsspaziergang! (Noch nicht.) Plastik-Fasten braucht Zeit, eine Portion meditativer Gelassenheit und stärkt am Ende auch das Selbstbewusstsein.

Es gibt Menschen, die aus der Überzeugung, etwas Richtiges zu tun, genug Selbstbewusstsein ziehen, um aus der Masse herauszustechen  – und sich so zur Zielscheibe von direkten wie indirekten Anfeindungen zu machen. Ich nicht. Bei meinem ersten Versuch, auf Plastik zu verzichten, hat es mehrere Anläufe gebraucht, bis ich endlich zaghaft meine mitgebrachte Box auf den Käsetresen geschoben habe und leise gepiepst habe: „Hier hinein bitte.“ Nach drei weiteren Anläufen (in unterschiedlichen Supermärkten) konnte ich dann sogar die Verkäuferin mit einigermaßen fester Stimme überzeugen, auch auf die Folie zwischen und um den Käse herum zu verzichten. Nur zweimal in den nunmehr zwei Jahren seitdem wurde ich ob meiner gänzlich „unhygienischen“ Box angepöbelt. Sehr zu meinem Erstaunen habe ich das schadlos überstanden.

Auch wer lose angebotenes Obst und Gemüse, wie Äpfel, Karotten und Kartoffeln, genauso lose auf das Kassenband stapelt, war die längste Zeit ein angesehenes Mitglied der Gesellschaft. Während die Kassiererin nur mit einem mitleidigen Blick die Rolle dünner Tüten zückte, wurde in der Schlange hinter mir der Unmut offen geäußert. Sätze, die mit „Was glauben Sie eigentlich,…“ anfingen, gehörten zu den netteren. Und wieder: Ich lebe noch.

Im häuslichen Umfeld sieht es natürlich anders aus: „Schatz, deine Deorezeptur bringt nicht den gewünschten Erfolg.“, ist ein gut gemeinter Hinweis in sachlichem Ton. Rote Ohren bekam ich trotzdem, lief ich doch schon drei Wochen damit herum…

Jetzt aber, in der Fasten-Zeit, kann man ungeniert darauf hinweisen, dass man schließlich faste. Das scheint gesellschaftlich anerkannt und entschuldigt für allerlei Spleens. Zudem stößt man allerorten auf Gleichgesinnte (s.o. über Challenges) und die Sache nimmt mit regem Austausch unter Gleichgesinnten auf regionaler Ebene erst richtig Fahrt auf:

Wie wohl tut es, wenn in derselben Schlange am Käsetresen noch ein oder zwei Menschen ihre mitgebrachten Behälter auf die Theke schieben? Wenn die eigenen Kartoffeln im Takt mit den Zwiebeln des Hintermanns über das Kassenband schaukeln? Vielleicht hat die eine schon die in Papiertüten verpackten Zahnpasta-Tabletten gefunden, während ein anderer noch traurig vor dem Regal mit den Plastikdosen steht, in denen die Zahnpasta-Tabletten fieser Weise eingepackt wurden? Die eine hat vielleicht ein Händchen für das Kochen von Kloreiniger, ein anderer hat schon herausbekommen, ob nun Kastanien oder Efeu die Wäsche wirklich sauber waschen. Und wenn alle Stricke reißen und es im Dorf keinen Unverpackt-Laden gibt, dann bestellt man eben gemeinsam im Internet Haarseife, Naturholzzahnbürsten und plastikfreies Backpapier.

Der Mensch ist eben ein soziales Wesen, beim Plastik-Fasten tut das doppelt gut ☺

 

 

Katharina

Eure Meinung

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Kommentare: 1
  • #1

    Margot (Samstag, 16 März 2019 10:02)

    Top Erfahrungsbericht! Ich war auch die, die zögerlich und mit leiser Stimme den Brotbeutel der Bäckersfrau an die Theke reichte. Vor Jahren wollte man mir nicht mal den Kaffee in meinen Mehrweg to-go-Becher füllen. Mit Wut und Mut habe ich das aber nicht akzeptiert. Und wo sind wir heute schon?!
    Plus: Die Stimme ist kräftiger geworden :-)